„Denn der Materialismus ist ein faules Stück Holz“ – Theophrasta Ignata Bombasta im Interview mit anastalia

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Am Horizont tauchte eine Schar von Büßenden auf, sich stetig mit Stricken geißelnd, mindestens 500 Stück, den Rücken erbärmlich zerfleischt und blutend, Kampflieder aus der Zeit des spanischen Bürgerkrieges murmelnd. Denen, die ihren Weg säumten, riefen sie zu: „Höret auf zu weinen und zu jammern, bedenkt, dass wir dies für eure Sünden tun, nicht für unsere.“ Sie liefen barfuß, das Haupt mit Asche besträubt, in schwarzen und roten sackähnlichen Gewändern. Aus der Spitze des Zuges scherte eine Frau von verwirrtem Aussehen aus, die in ständiger Betrachtung der Höllenqualen gelebt zu haben schien und wunderlich wie ein mit Schlägen und Zwiebeln gefütterter Hund auf uns zu steuerte. Während sie ihr graues Haupthaar am Hinterkopf unter einer haubenähnlichen, aus dem Fell einer libyschen Bärin gefertigten Mütze herabfließen ließ, verbarg sie auf ihrem Kopf die rundgeschnittene Tonsur des Mönchs, die an die Dornenkrone erinnern sollte und daran, dass sie in einem gottgefälligen Leben dem leidenden Erlöser nachfolgte. Es war Theophrasta Ignata Bombasta.

Sie ist Doctor philosophiae menschlicher Gnade und Göttlichkeit und Professorin einer reineren und unschädlicheren Weltweisheit, Erweckerin schlafender Geister und Bändiger anmaßender und widerspenstiger Unwissenheit, ehemaliges Mitglied des heiligen Inquisitionskomitees zu Rom, Vorsitzende des theologischen Konzils in der anarchostalinistischen Weltliga, war Gastprofessorin in Jerusalem und Sydney, ist Ehrendoktorin der Universität Timbuktu und leitet im Moment den Sonderforschungsbereich „Theologie und Revolution“ am Institut für Ideengeschichte des Anarchostalinismus in Chicago. Sie ist der Verfasser der Bestseller „Die Kaballa des Buenaventura Durruti unter heimlicher Zugabe von stalinistischen Eseleien“, „Die Moderne: In einem epistemologischen ICE gen Hölle“, „Ema-Nationen. In einer Welt voll Teufeln“, „Wie Adam und Eva. Theologische Suspensionen des Ethischen“.

Ziemlich beeindruckende Show, Frau Prof. Bombasta. Wirkt das aber nicht ein wenig abschreckend auf Sympathisanten und Aktivisten des Anacharchostalinismus und andere Menschen des 21. Jahrhunderts? Wie sieht ihre Analyse der Gegenwart aus?

Die Menschheit ist ein geschlagenes Geschlecht, das nichts als seine Schmerzen besitzt. In der Zeit des gegen- und widerwärtigen Lebens ist alles derart in Unordnung, dass man nirgends auch nur eine Spur der Wahrheit sehen kann, wohl aber, dass alles voller Bosheit und Luxus ist und jegliche Ordnung des Theologischen sich ins Schlechte verwandelt hat. Der göttliche Funke, den die Allmächtigen in die Seelen der Menschen gepflanzt haben, scheint erloschen zu sein. Im Inneren der Menschen herrscht absolutes Dunkel. Und um sie herum herrscht absolute Finsternis, die Nacht in uns, die Nacht über uns, die Nacht um uns herum. Neid, Gier und Verlogenheit haben sich in die Herzen eingenistet und es sich dort bequem gemacht. Unsere gottlose, rachitische Seele stinkt mittlerweile bis zum Himmel. Die Schande hält ewig. Aber die götterlose Menschheit hat die Saat ihres eigenen Untergangs bereits gelegt. Der in Stücke gebrochenen Welt droht ein schlimmes Ende und jeder Gedanke an das Morgen scheint verschwendet. Manchmal kommt es mir so vor, als rasten wir in einem donnernden Höllengefährt direkt gen Hölle. Aber Augustinus ist der Fahrer: Gegenwart: Gegenwart der Gegenwart, Gegenwart der Vergangenheit, Gegenwart der Zukunft. Alles ist Jetztzeit. Das jüngste Gericht findet jeden Tag statt.

Aha, … was hat das zu tun mit den Problemen des Einzelnen und seiner politischen Organisation? Sollen wir alle in den Kirchenchor eintreten? Konkreter: Wie analysieren Sie die Gegenwart? Was ist ihr Forschungsinteresse und worin ist es theologisch begründet?

Selbstausbeutung und Fremdbebettung sind heutzutage unsere einzigen Gefährten geworden. Ich bin Ich, wir sind wir und wir scheinen ganz bei uns zu sein und können trotzdem nicht schlafen. Etwas nagt an uns. Wir haben alles im Überfluss und das ist uns nicht genug. Wir sind verraten und verkauft, aber wie lange schon und was haben wir gekostet? Unsere verstümmelten Seelen sind unfähig geworden, das Glück, das vor unseren Füßen liegt, aufzusammeln. Tagtäglich wird die heilige Maria Mutter Gottes direkt vor unseren Augen geschändet. Überall ist blinde Vernichtung im Gange. Und es werden noch dunklere Tage kommen und wer sich nicht an einem kleinen theologischen Lichtlein aufhellen kann, wir elendiglich zu Grunde gehen.

Wir haben unsere theologische Tradition für nichts und wieder nichts weggeworfen und dafür nur billige Philosophien zurück erhalten. Das 19. Jahrhundert ist schuldig, es ist die Ur-Sünde der Menschheit, man täte gut daran, es völlig aus der Geschichte zu radieren. Neben dem Nihilismus ist vor allem dem Materialismus die Ur-Schuld daran zu geben. Denn der Materialismus, der ja bekanntlich klein und hässlich ist, hat überhaupt keine Vision, er ist – Gott vergib mir! – ein faules Stück Holz. Er hat uns unserer gemeinsamen Bilder geraubt und damit auch unserer Sprache. Jetzt stehen wir da, ganz nackt, ohne Bilder, ohne Visionen, ohne Kultur und schauen den Papst nur noch an wie ein Lemur, aus dessen der Augen der egozentrische Wahnsinn flammt. Die jungen Menschen, die ihrer Zukunft beraubt werden, spüren Hass gegen die Gesellschaft und wollen sich rächen. Aber sie besitzen keinerlei theologische Akrobatik des Geistes und ich weigere mich schlichtweg in einer Gesellschaft zu leben, die keinen Schimmer über die Ordnung der Engel im Himmel hat. Die Nachwelt jedenfalls wird es nicht fassen können, dass wir abermals in solch Finsternissen leben mussten, nachdem es schon einmal Licht geworden war.

„Es gibt eine Zeit des Steinesammelns und eine Zeit des Steinewerfens“ (AT, Buch Kohelet). Und es gibt Verbrechen, die so groß sind, dass man sie gar nicht mehr sieht. Marxismus und Philosophie, die heutzutage ja bekanntlich besonders klein und hässlich sind, stehen daneben und haben nichts zu sagen, während schon längst eine neue Tragödie des Menschen angelaufen ist.

Was hat Theologie mit anarchostalinitischer Politik zu tun, ist das alles nicht ein wenig absurd? Wie kommen sie damit mit ihren Thesen bei der radikalen Linken an?

Was erlauben Sie sich, scheußliche Bestie? Hüten Sie gefälligst ihre Zunge, sie Schandmaul! Sonst wird sie gespalten, mit glühenden Zangen herausgerissen und gevierteilt werden. An den Toren der Stadt soll sie zur Warnung hängen. Das Absurde ist doch das Grundelement des Theologischen. Und alle politischen Begriffe sind letztlich theologische. Und so wie kein Freier ohne Unfreie leben kann, kann die Politik ohne die Theologie nicht leben.

Die Theologie ist das Segel des revolutionären Bootes, mit dem wir wie Captain Ahab über die endlosen Weiten des Ozeans schippern um den Leviathan zu jagen und das sind natürlich Staat und Kapital. Die Revolution wird die zukünftige Zurückdrehung der Gottlosigkeit, die Rückkehr zu einem zukünftigen Idealzustand, in dem sich das Leben nach theologischen Grundsätzen gestaltet. Oder modern gesagt, wenn Sie wollen: Die Theologie ist das GPS der politischen Revolution. Und ohne Theologie, zugleich auch Brenn- und Fernglas, ist alle Revolution nur französischer Stink-Käse.

Der historische Auftrag der anarchostalinistische Weltliga ist der theologische Jungbrunnen des Revolutionär-Politischen zu sein. Denn außerhalb der anarchostalinistischen Theologie gibt es kein Ende für die Tränen und die Seufzer der Unfreien, die vor sich hin siechen, als gäbe es kein Leben vor dem Tod und die zu oft nur ein verzweifelter Sprung vom Balkon retten kann. Und auf diesen Wunden gedeihen sie ja gerade, zwergengroß, die pseudomarxistischen und protestantisch-sozialdemokratischen Funktionäre der moralischen Orthopädie.

In ihrem Fall erscheint die Wirklichkeit, dieses Rattennest der Ekelhaftigkeiten, nichts mehr zu sein als die sadistische Philosophie eines gehässigen materialistischen Fanatikers. Besonders bitter stoßen mir diese pseudokritischen jungen Möchtegern-Philosophen, gottlosen Schwermetaller mit Moetly Crue-T-Shirts und andere moralische Missgeburten auf, die in sozialen Netzwerken und Musik-Bands ihren antitheologischen- und musikalischen Fanatismus ausleben. Ihre Dummheit, eine blasphemische Mischung aus gottloser Ignoranz und Arroganz, treibt es schamlos mit ihrem autoritärem Auftreten. Zusammen ergibt das das Schreckbild des modernen Menschen par excellence. Sie werden für immer in der Eiseskälte der Hölle brennen.

Dieses Gewimmer und Gewinsel der radikalen Linken, die Sklaven sind in der Freiheit, die Qualen leiden in den Lüsten, die arm sind in all ihrem Reichtum und tot mitten im Leben, weil sie sie in ihrem Körper die Kette haben, die sie fesselt, in ihrem Gemüt die Hölle, die sie einkerkert, in der Seele den Irrtum, der sie krank macht, diese blinden Augen, eingefallenen Wangen, krebszerfressenen Herzen, trockenen Lippen und verfilzten Haare, dieses dümmliche Lächeln eines Froschs kurz bevor er ins kochende Wasser geworfen wird, dieses kindliche Schmollen, diese verlassenen Fenster, diese verfinsterte Sonne, dieses ganze übertünchte Grab muss zu einem theologischen Orkan anschwellen, ein Sturmes-Chor des verlorenen Lebens, des verzweifelten Gemüts, des gebrochenen Herzens, mit einem Geschrei, das selbst die Sterne betäuben könnte und die Höllen der Unterwelt widerhallen lässt. Die Verzweiflung muss musikalisch-theologische Gestalt annehmen. Sie können das auch im anarchostalinistischen Kirchenchor machen.

Der antitheologische Impuls der radikalen Linken ist nichts als ein Reflex denkfauler Ungläubiger und mündet sogar zwangsläufig in der geistigen und politischen Konterrevolution. Andrerseits muss man vielleicht auch ein bisschen mehr Gnade haben mit den selbsternannten Klassenkämpfern, es ist ja manchmal so wie wenn man Kacke auf revolutionär-hilflos Behinderte wirft. Die Zeit jedenfalls ist gekommen, wo die revolutionäre Linke ein paar Psalmen beten, um Vergebung bitten und in den Schoß der Götter zurückkehren muss und die Götter werden sprechen: „Lasset die Revolutionäre zu mir kommen.“

Gut. Was sind verschiedene Ansätze und die Zukunftsperspektive ihres Projektes?

Das Problem ist, dass die Wirklichkeit, dieser siebenköpfige Bastard, nicht die Wahrheit ist und dass dem Materialismus zwangsläufig die Bilder ausgehen. Gegen die geistige Kadaverzone des Materialismus und den Höllenzwang der Verhältnisse hilft nur die Theologiesierung der Revolution, die mit einer Revolutionierung der Theologie gleichgeschaltet werden muss. Die Theologie ist der schlafende Straßenköter der Revolution. Wir müssen ihn aufwecken! Dazu müssen wir den göttlichen Teil in uns wiederfinden, der von der Moderne gefoltert und vergewaltigt wurde und die urältesten inneren Dämonen wieder zum Leben erwecken.

Hierzu lohnt sich ein Blick ins Thomas-Evangelium, ein beispielloser Text der Zeitenwende in gnostischer Tradition. Demnach befinden wir uns bereits im Eschaton, wie es ja auch Carl Schmitt sagen würde. Die Auferstehung ist bereits erfolgt, aber wir erkennen sie nicht. Auch sonst gibt es jede Menge Sprengsätze in diesem apokryphen Text, z.B.: „Wer die Welt erkannt hat, hat eine Leiche gefunden.“ Denn jeder Mensch hat ein Stückchen der Götter in sich: „Der anarchostalinistische Kommunismus ist in euch und zwischen euch.“ In diesem Sinne müsste die Theologie der Revolution wieder zu ihrem Ursprung zurückkommen, müsste wieder pentagonisch werden. Das wäre die Zentralforderung.

Aber – wer weiß schon außer den Göttern – vielleicht sollten ja auch die Katharer recht behalten, dass alles Übel auf der Welt ist, weil der Satan selbst die Welt geschaffen hat. Die Hölle wäre dann dieses Leben hier, der Mensch nichts weiter eine Ausgeburt der Hölle, ein treffendes Ebenmaß in einer aasgeifernden Welt von Teufeln. Wir überprüfen diese These zur Zeit empirisch. Wenn sie zuträfe, hätte das enorme Auswirkungen auf die Theologie der Revolution und die anarchostalinistische Gender-Theorie Wir müssten Schluss machen mit der ewig-dummen Reproduktion der Menschheit aus Langeweile und Einsamkeit. Schwangere Frauen wären fortan nichts weiter als dämonengebärende Dinosaurier.

Das sind in etwa die verschiedenen politischen Richtungen innerhalb des theologischen Konzils in der anarchostalinistischen Weltliga. Worin wir uns aber einig sind, ist, dass die Zeit des Anarchostalinisten unmittelbar bevor steht. Er tritt im Gewande des Anarcho-Messias auf, betritt die Arena der theologischen Weltrevolution und schlägt ihr erzengelhaft mit seinem furchtbaren Schwert den Weg durchs Brombeergebüsch des Kapitalismus frei. Es wird das letzte, größte Werk der Menschheit sein. Und sagen Sie: Haben sie nicht auch Lust zusammen mit dem Anarchostalinisten kurz vor dem Zusammenbruch aller Zeit im Mondlicht ein kairotisches Tänzchen aufzuführen, die vier apokalyptischen Reiter zu begrüßen und die Toten bei der Wiederauferstehung anzufeuern?

Bevor wir antworten konnten, verdrehte Ignata Theophrasta Bombasta die Augen, dass man nur noch das Weiße sehen kann, fiel in eine tranceartigen Zustand metaphysischen Schauers, fing an sich im Kreis zu drehen und lateinische Sätze aus dem Evangelium der heiligen Hure Maria Magdalena zu murmeln, während Hiob voller Geschwüre, Moses im goldenen Gewand, in der Hand die Gesetzestafeln, Aaron im Priesterrock mit dem Rauchfass, Gideon im Kampfanzug samt Trompete, David mit dem Haupt Goliaths, Judith mit dem Kopf des Holofernes aus dem Boden stiegen und anfingen ihr Werk zu verrichten.

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Eine Antwort zu „Denn der Materialismus ist ein faules Stück Holz“ – Theophrasta Ignata Bombasta im Interview mit anastalia

  1. petersemenczuk schreibt:

    Gott sprach 1961-2014: „Wenn du dich zu den Geringsten deines Volkes erniedrigst, will ich dir die höchsten Offenbarungen meines Selbst mitteilen( in dieser wahren Nachfolge meines Sohnes, JESUS Christus“ Peter Semenczuk/ Bühl-Baden

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