Untermenschliches, allzu Untermenschliches!

Interview mit Baron Symeon-Barnabas von und zu Hurlingen

Baron Symeon-Barnabas von und zu HurlingenLange bevor sich die revolutionären Massen zum Klassenkampf aufmachten und die Arbeiterbewegung erste Formen annahm, war es der einfache Untermensch, der den Herrschenden Angst und Schrecken bereitete. Das Schreckgespenst dieses Untermenschen tauchte in Kunst, Wissenschaft und Politik auf, es war Inbegriff des Chaos, der Krankheit und der Sünde. Schon bei dem nihilistischen Philosophen Friedrich Nietzsche erscheint der Untermensch als eine Menschenart, die überwunden werden muss zugunsten eines über allen Werten und Moralvorstellungen stehenden Übermenschen. Die Angst vor diesem barbarischen und aus der dunklen Vergangenheit kommenden Untermenschen setzt sich in verzerrter Weise fort bis in die Nazi-Diktatur, wo der Begriff des Untermensch als Kampfbegriff gegen alles Un-Arische missbraucht wurde. Durch diesen Missbrauch des Untermenschen-Konzepts durch die Nazis wird die Rezeption untermenschlicher Betrachtungen für Jahrzehnte als anstößig betrachtet und schließlich zu einem Tabu in Wissenschaft und Politik. Doch nun endlich tut sich etwas: Im Dunstkreis anarchostalinistischer Intellektueller gewinnt der Begriff und das Konzept des Untermenschen wieder an Bedeutung für die revolutionäre Linke. Zu diesem Zweck interviewten wir den promovierten Revolutionswissenschaftler Baron Symeon-Barnabas von und zu Hurlingen, der nach Forschungsaufenthalten und Professuren in Bitola, Kairo und Rom nun das „Institut für anarchostalinistische Kulturanthropologie“ in Montreal leitet. Er ist der Verfasser so berühmter Bücher wie „Mykro-politische Reflexionen über das revolutionäre Potential hungriger Huren und Stricher.“, „Der aufsässige Untermensch: Das neue revolutionäre Subjekt?“ und „Vom vormodernen Vagabunden zum modernen Mörder: Historische Perspektiven der revolutionären Praxis eines aleatorischen Idealismus.“

Werter Herr Baron von und zu Hurlingen! Sie arbeiten nun schon seit mehreren Jahrzehnten an der Etablierung des Begriffes des Untermenschen für die Wissenschaften und den politischen revolutionären Diskurs. Was veranlasste sie zu dem Engagement und was sind die emanzipativen Perspektiven ihres Konzeptes?

Meine Untersuchungen, in vielen schlaflosen Nächten der Theorie in den Bordellen und den Straßenstrichen aller Welt entstanden, sind das Resultat einer mykro-politischen Spurensuche an den Rändern der historischen Diskurse. Sie sind denen gewidmet, die ich die Untermenschen nenne, den Namenlosen, den menschlichen Elendsgestalten, die sich ohne den Glanz des Wunderbaren, wie kleine Holzwürmer durch die dicken Bretter der Geschichte bohren und deren revolutionären Glanz ich wieder aufleuchten lassen will, um der anarchostalinistischen Weltbewegung ein orientierendes Lichtlein zu geben in dieser schröcklichen revolutionören Dunkelheit, in der wir uns momentan befinden.

Es geht mir um die elenden Missgeburten der Geschichte, um die zänkischen Kleinbauern und die masturbierenden Mönche des Mittelalters, die tobenden Trunkenbolde und Vagabunden der frühen Neuzeit, die Sträflinge, die Herumtreiber und Kleinkriminellen, die Stricher, Zuhälter, die Huren und Hurenböcke aller Zeiten. Sie sind meine Freunde und es gibt keine besseren. Ihr Untermenschentum ist nur eine Modalität des universalen Menschseins. Sie sind die Unterseite des Glanzes hegemonialer Macht- und Diskursordnungen und existieren nur noch kraft der vielen schröcklichen Wörter, die dazu bestimmt sind und waren, sie für immer des Gedächtnisses der selbsternannten Über-Menschen unwürdig zu machen.

Welche Bedeutung für die revolutionäre Linke hat für sie das Konzept des Untermenschen? Ist der Untermensch das neue revolutionäre Subjekt?

Das Untermensch-Sein verspricht ein unerhörtes Maß an Freiheit. Es ist die Freiheit der völligen Haltlosigkeit, eine Freiheit, die dadurch entsteht, dass man weder von symbolischen noch von materiellen Kräften der Gesellschaft gehalten wird. Ich spreche in diesem Zusammenhang von einem „negativen Individualismus“ (ein Begriff übrigens, den mir Robert Castel gestohlen hat), es ist ein Individualismus, der solchen vereinzelten Einzelnen übrig bleibt, in Zonen, in denen kollektive Regulierungen nicht mehr greifen. Das wiederum prädestiniert den Untermenschen zum idealen Aktivisten der anarchostalinistischen Weltliga. Den großen Denkpraktikern und Revolutionären der anarchostalinistischen Tradition war das immer klar. Franz Villon, Franz Kleist, Franz Wedekind, Franz Kafka, Franz Mühsam, Franz Benjamin und natürlich nicht zu vergessen Franz Stalin selbst, der alle diese Traditionen in sich aufnimmt und auf eine neue Höhe treibt. Gerade Stalin wusste um den grundsätzlichen Fehler, den Untermenschen oder wie Marx und Engels, das zu nennen pflegten, das „Klumpenproletariat“ aus dem revolutionären Prozess auszuschließen. Meine These – und die Geschichte gibt mir recht – ist, dass der Untermensch der Zugführer der Eselskarawane der Revolution ist. Unwiderstehlich packt er die unerträglichen Verhältnisse in einer Art Zangenbewegung von oben und von unten gleichzeitig an.

Wir müssen den untermenschlichen Müll der Geschichte aufsammeln und eine neue anarchostalinistische Kaderschmiede von unten daraus bilden. Auch die toten Untermenschen aller Zeiten nehmen wir in unsere Kampf-Front mit auf. Sie sollen uns vorangehen. Das sind wir ihnen schuldig! Es ist der vornehmste Zweck einer revolutionswissenschaftlichen Praxis im Zeichen des Untermenschen. Wir wollen die anarchostalinistische Revolution um der Vergangenheit willen, nicht etwa um der Zukunft willen! Die Untermenschen sollen nicht umsonst gestorben sein und ich persönlich habe auch keine Lust auf das jüngste Gericht zu warten. Das heißt natürlich und endgültig mit der utopistisch-kleinbürgerlichen Revolutionsansicht zu brechen, die tatsächlich immer eine verräterisch-sozialdemokratische war. Die revolutionswissenschaftliche Losung unserer Zeit muss lauten: Minderwertige Drecksäue aller Länder vereinigt euch!

Der Untermensch denkt die Revolution

In welcher Beziehung sehen sie die beiden Konzepte Untermensch und Übermensch? Und wie stehen die Chancen, dass wir uns lösen von den missbräuchlichen Verwendungen des Untermenschen-Konzepts durch den Nazismus?

In der Beziehung der Begriffe Über- und Untermensch gibt es eine trügerische Dialektik. Es gibt nämlich überhaupt keinen Übermenschen, sondern – wie ich ja bewiesen habe – nur noch Untermenschen. Der Übermensch ist immer ein Untermensch, der Untermensch, aber nie ein Übermensch. Wer trotzdem den Begriff Übermensch benutzt, will nur sein eigenes Untermenschentum verschleiern. Eine recht schäbige, aber doch sehr durchsichtige Vorgehensweise!

Der Begriff des Untermenschen darf weder biologisch noch intellektuell betrachtet werden, sondern historisch-sozial und psycho-geographisch. Der Begriff muss der nietzscheanischen und der nazistischen Tradition wieder entwendet werden und zu seinen sozialrevolutionär-freudianischen Wurzeln zurückkehren. Der Untermensch ist nicht unter uns, er ist mitten unter uns. Und tatsächlich nehmen sich die modernen Untermenschen ja wie die Vagabunden der vorindustriellen Zeit aus. Aber der Untermensch ist auch in uns selbst. Der Untermensch sitzt direkt unter unserer Schädeldecke und flüstert uns seine sozial-revolutionären Kassiber ein. Wir müssen nur wieder lernen ihn zu hören!

Das Entscheidende am Konzept des Untermenschen ist die Unerbittlichkeit und Globalität eines langen hasserfüllten Gedächtnisses. Vielleicht könnte man sagen, dass der Untermensch überhaupt nicht in der Lage ist zu vergessen. Alle Schweinereien der Geschichte sind in seinem elefantösen Gedächtnis aufbewahrt und wirken wie eine Art revolutionäre Speisekammer seines Hasses. Und überall, wo Unrecht geschieht, empfindet er es so als ob es ihm selbst zustoße. Sein Hass währt ewig. Den Feinden soll keine Vergebung zu Teil werden. Die Feinde, das sind die als Übermenschen verkleideten Untermenschen. Der revolutionäre Hass in der Seele des Untermenschen brennt ewig und wartet nur darauf wieder aus den Augen des revoltierenden Pöbels zu lodern und mordend Flammen in die Wirklichkeit zu schlagen!

Ist denn der Untermensch zu zivilisatorischem Handeln zu erziehen oder wird er erst durch die revolutionäre Tat zivilisiert?

Papperlapp! Was für einen Übermenschen-Unsinn schwadronieren Sie denn da daher? Man sollte Sie ein Mal so richtig durchprügeln, sie mieses kleines Spastiker-Schwein! Wie ich bereits ausführlich dargelegt habe – und wie es in meinen unzähligen Publikationen nachzulesen ist – versammelt der Untermensch die Erfahrungen aller geschlagener Generationen der Unter-Menschheit. Von den Verlierern lernen, heißt siegen lernen! Die revolutionäre Hoffnung tritt in Gestalt der absoluten Hoffnungslosigkeit auf.

Alexander der Große traf ein Mal Diogenes und sagte: „Ich bin Alexander der Große! Du hast einen Wunsch frei!“ Und was antwortete Diogenes? „Ich bin Diogenes der Untermensch, geh mir aus der Sonne!“ Zu dieser Art untermenschlicher Betrachtung müssen wir wieder zurück nach vorne kommen, wenn wir etwas reißen wollen. Wir sind alle Untermenschen. Wir wissen es nur noch nicht. Um den Untermenschen zu erkennen, brauchen wir weniger Geometrie und wieder mehr Theologie. Der Himmel in uns schreit nach Gerechtigkeit wie ein kleines mongoloides Kind. Der Materialismus hat überhaupt keine Vision. Das sei auch den kommunistischen Revolutionsversagern hinter die Ohren geschrieben. Der Untermensch aber kann jeden Moment wie der Messias die Tür zu unserem Bewusstsein eintreten und eine revolutionäre Schneise in die traurige Wirklichkeit der erstarrten Verhältnisse schlagen. In einer Assoziation aller untoten Huren und Hurenböcke wird der Untermensch dann wieder mordlüsternd sein revolutionäres Tanzbeinchen schwingen. Wie eh und je.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch, Herr Baron. 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s