Waren Marx und Engels homophob?

Viele Linksradikale fragen sich, ob Homosexualität und revolutionärer Klassenkampf vereinbar sind. Diese Frage muss von unserer Seite aus eindeutig mit einem Yes beantwortet werden. Wie schon mehrfach in unseren Texten ausgeführt, ist für uns die soziale Befreiung der Arbeiter*innenklasse vom Joch der kapitalistischen Eigentumsordnung nur denkbar, mit der gleichzeitigen Befreiung der Menschen von sexueller und/oder geschlechtsbezogener Repression. Die heutige bürgerliche Gesellschaft ist durchzogen mit homophoben Einstellungen und ist immer noch geprägt von einem heteronormativen, monogamen Beziegungsideal. Zwar konnte die Homosexuellen-, die LGBT- und Queerbewegung in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten große Erfolge bei der Emanzipation ihrer sexuellen Bedürfnisse und ihrer sexuellen Identität erzielen, doch ist – wie das Drite Reich gezeigt hat – ein Rollback in noch düstere Zeiten nicht ausgeschlossen. Die fortschreitende Crisis des Kapitalismus und der zurückliegende Erfolg rechtsextremer und chauvinistischer Parteien in Europa – nicht zu vergessen auch der Islam/Islamismus/Salafismus/Beschneidung -, sowie die wieder stärker werdende Rolle der organisierten Religionsgemeinschaften geben keinen Anlass dazu, den Kampf um die sexuelle Befreiung der Homosexuellen ad acta zu legen. Im Gegenteil: es ist die Zeit gekommen, endlich die beiden Kämpfe zu vereinen für die totale Emanzipation der Menschenheit von allen ökonimischen und sexuellen Zwängen und Unterdrückungsmechanismen.

Das Verhältnis zwischen der Arbeiter*innenbewegung und der organisierten Schwulenbewegung ist einerseits geprägt durch viele gemeinsame Kämpfe (Solidarität) und dem Wunsch nach einer Veränderung der herrschenden Verhältnisse. So unterstützen namhafte Vertreter der Socialdemokratie schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts Kampagnen für die Entkriminialisierung der Homosexuellen, die damals auch Urninge (von Uranus) oder Schwule (in Berlin) genannt wurden. So unterzeichnete August Bebel eine vom famous, jewish Gayaktivisten Magnus Hirschfeld initiierten Petiton für die Aufhebung des Paragraphen 175, der Homosexuelle bis in die 1760er Jahre in der BRD kriminalisierte. Kommunist*innen und Sozialdemokraten waren auch wichtige Koalitionspartner der Gays und der Lesben während der Weimarer Republik, obwohl es auch Differenzen gab bezüglich des „Homosexualismus“, der von vielen Dogmakommunist*innen als Nebenwidersprüche oder dekadentes Fehlverhalten gebrandmarkt wurde.

Wilhelm Reich gilt wohl als einer der bedeutenden Marxisten, der sich für die sexuelle Emanzipation Anfang des 20. Jhd. eingesetzt und die analytischen Methoden der Psychoanalyse für die kritische Gesellschaftsanalyse genutzt hat. Er setzte sich vehement für eine progressive Sozialpolitik ein und wurde deshalb erst aus psychonanalytischen Organisationen ausgeschlossen und schließlich im Zuge der stalinistischen Säuberungen auch aus der KPD, wo er für mehr Sexpolitik eintrat, hinaus geworfen. Für die Verbindung zwischen Marxismus und sexueller Befreiung spielt er jedenfalls eine hervorgehobene Rolle.

Von Marx und Engels – den beiden prominentesten Anführer der organisierten Arbeiterklasse – sind bezüglich der Homosexualität Dokumente überliefert, die sie einem nicht ganz zu emanzipatorischen Lichte dastehen lassen. In der Auseinandersetzung um die politische Stoßrichtung der damals sich entwickelnden Socialdemokratie und des Parteikommunismus, kam es zu einer Auseinandersetzung mit dem schwulen Arbeiteraktivisten Johann Baptist von Schweitzer. Im Vordergrund stand der langanhaltende Streit beim ADAV (Vorgänger von SAP und SPD) um die Frage des Staates, der Nation und dem Widerspruch zwischen Reform und Revolution in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrunderts. Lassalle, der sich für die langsamen Reformen im Rahmen des Staates einsetzte wurde immer stärker in den Arbeiterorganisationen, während Marx, Engels und Wilhelm Liebknecht den revolutionären Weg vertraten. Im Kontext dieses Streits stand der schwule von Schweitzer auf Seiten Lassalles, der von Marx und Engels bekämpft und mit homophoben Argumenten angegriffen wurde.

Besonders bekannt ist ein überlieferter Brief von Friedrich Engels, in dem er sich über den berühmten Homoaktivisten Karl Heinz Ulrichs äußert. Diese versuchte die Arbeiterbewegung für die Sache der Gays zu gewinnen und so schickte er den beiden Arbeiterführern Marx und Engels ein Exemplar seines Buches. Die Reaktion von Friedrich Engels ist unmissverständlich:

„Das ist ja ein ganz kurioser ‚Urning‘, den Du mir da geschickt hast. Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staate bilden. Nur die Organisation fehlte, aber hiernach scheint sie bereits im geheimen zu bestehen. Und da sie ja in allen alten und selbst neuen Parteien, von Rösing bis Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben. ‚Guerre aux cons, paix aux trous-de-cul‘ (Krieg den Fotzen, Friede den Arschlöchern), wird es jetzt heißen. Es ist nur ein Glück, daß wir persönlich zu alt sind, als daß wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müßten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation! Übrigens auch nur in Deutschland möglich, daß so ein Bursche auftritt, die Schweinerei in eine Theorie umsetzt und einladet: introite usw. Leider hat er noch nicht die Courage, sich offen als ‚Das‘ zu bekennen, und muß noch immer coram publico ‚von vorn‘, wenn auch nicht ‚von vorn hinein‘, wie er aus Versehen einmal sagt, operieren. Aber warte erst, bis das neue norddeutsche Strafgesetz die droits de cul anerkannt hat, da wird es ganz anders kommen. Uns armen Leuten von vorn, mit unserer kindischen Neigung für die Weiber, wird es dann schlecht genug gehen. Wenn der Schweitzer zu etwas zu brauchen wäre, so wäre es, diesem sonderbaren Biedermann die Personalien über die hohen und höchsten Päderasten abzulocken, was ihm als Geistesverwandten gewiß nicht schwer wäre……“ (MEW 32 S. 324/5. Engels an Marx, 22.6.1869)

Engels war bis ins Mark homophob. Krieg den Fotzen, Friede den Arschlöchern: dieser miese Spruch wird auch heute gerne zitiert von reaktionären Homofürsten, um der Schwulenbewegung den Anarchostalinismus madig zu machen. Doch man muss die beiden Großväter der internationalen Arbeiter*innenbwegung in Schutz nehmen. Wir dürfen den Genossen nicht nur von unserem heutigen Bewusstseinsstand und emanziptatorischen Entwicklungsstand  begegnen. Denn damals war es nichts Ungewöhnliches oder Anstößiges, im öffentlichen Streit homophobe Anfeindungen zu äußern. Davon sind zahlreiche auch viel schlimmere überliefert, beispielsweise die Forderung nach Ausrottung des Gaytums. Bekannt wurde auch der Streit zwischen dem jüdisch-deutschen Dichter Heinrich Heine und dem schwulen Dichter August Platen (mehr dazu bei Wikipedia).

Wir wissen zwar auch, das während des Sowjetkommunismus unter Stalin (aber auch Maoismus und unter Enver Hodxa) eine leider sehr rückwärtsgewandte und kleinbürgerliche Sexualpolitik praktiziert wurde und Homosexuelle teilweise hart verfolgt wurden, doch wir müssen immer auch die andere, konstruktive Seite im Blick behalten und erkennen, wie wichtig es ist, dass die Arbeiter*innenklasse gemeinsam mit den unterdrückten Gays, Lesben, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen, sowie Queers und Asexuellen zusammenarbeitet für die totale Emanzipation der Gesellschaft von Lohnarbeit, sexueller Unterdrückung und Privateigentum an Produktionsmitteln kämpft. Daher stehen wir als Anarchostalinist*innen an erster Stelle, wenn es darum geht für die Rechte der Gays auf die Straße zu gehen (z.B. Christopher Street Day).

Go homo – go Klasenkampf!
Gegen homophobes Gedizze in Politik und Schulhof!
Hirschfeld, Stalin, Mao, Marx – ich fick so wie ich das mag!

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Eine Antwort zu Waren Marx und Engels homophob?

  1. Odo Benus schreibt:

    Welche Linksradikalen fragen sich, ob Homoxexualität und Klassenkampf vereinbar seien?

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