Euter statt Tetra Pack

Die Arbeiter*innenklasse und das Bauerntum haben keine divergierenden Interessen, sondern die selben. In der Geschichte der sozialen Kämpfe haben sie schon oft bewiesen, dass sie vereint die herrschende Klasse hinwegfegen können – wenn sie denn wollen.

Die Angst vor dem Bauer und dem bäuerlichen Leben gründet in der Entstehung einer Stadtkultur im Spätmittelalter. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wird deutlich in der Herausbildung jeweils spezifischer Formen der Produktion von allem. Natürlich gab es auch in größeren Dörfern und Dorfgemeinden eine Vielzahl Handwerklicher und Berufe wie den Böttcher oder den Eisenschmied. Doch das Landleben war an aller erste Stelle geprägt durch die Land- und Viehwirtschaft in Form der bäuerlichen Leibeigenschaft und dem halbfreien Bauerntum. In den Städten hingegen entwickelten sich die Produktionskräfte intensiver: in Städten wie Nürnberg oder Köln existierten über 60 verschiedene Berufe. Die Handwerksmeister , die über die Prodkutionsmittel und den Mehrwert fast allein verfügten, standen in Konkurrenz zueinander, organisierten sich aber zugleich in Zünften. Die  Mitglieder der Bürgerschaft versammelten sich in Stadtparlamenten und versuchten ihre Angelegenheiten kollektiv zu organisieren. Diese Verhältnisse waren natürlich auch geprägt von krassen sozialen Unterschieden, beispielsweise zwischen Meister und Geselle, Mann und Frau, Aristokraten und Handwerker, aber auch unter den Handwerksbossen gab es krasse Unterschiede im Waszusagenhaben. Da sind die ersten Ansätze vom Widerspruch zwischen einer aufkeimenden Arbeiter*innenklasse und der Kapitalist*innenklasse bereits zu beobachten.

Der Widerspruch bestand auch in der Wahrnehmung unterschiedlicher Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Ein anwachsendes Handelskapital, die Eroberung des Erdenrunds durch den Kolonialismus, die neuen Erfindungen und neuen Maschinen brachten einen neuen Typus des tätigen Menschen hervor und dadurch neue Abhängigkeitsverhältnisse zwischen dem immer reicher werdenden Kapitalist*innen und Gildenchefs und den reichen Kaufleute auf der einen Seite und den abängigen Bauern und den oft vom Land kommenden Gesellen voller Armut auf der anderen Seite. Keine Illusionen: das Landleben ist nicht ideell kommunistisch gewesen, sondern entbehrlich und hart. Neben einigen kollektiv nutzbaren Weide- und Waldflächen, gab es eine Vielzahl von verschiedenen Unterdrückungsverhältnissen zischen Bauern und Grund-/Leibeigentümer. Von den Unterdrückungsverhältnissen zwischen den Geschlechtern gar nicht erst zu sprechen (anderes Thema: Gender). Vieles, was in der populären und schulischen Geschichtswissenschaft über Leibeigenschaft und die Verderbtheit der Bauern gesagt wird, ist leider Lenins geprägt durch diese ökonomische und ideologische Abgrenzungtendenz des aufsteigenden Handwerks- und Handelsbürgertums, als auch von den adeligen und klerikalen Unterdrückern, die die Bauernschaft Jahrhunderte knechteten und demütigten. So lassen sich auch die reflexhaften Abwehrreaktionen vieler Linker heutzutage erklären, wenn es um die historische Bedeutung der Bauern geht.

Für die Weltentwicklung und ihre produktiven Möglichkeiten kommt den Bauern (auch bawren) allerdings eine enorm wichtige Rolle zu. Sie schufen das Essen für alle Menschen die es auf der Erde gibt und wurden der Reichtümer beraubt, die sie selber schufen für das schöne Leben, das andere führen durften, z.B. ein Prinz. Die technologischen Entwicklungen wurden nämlich vor allem durch die Bedürfnisse geschaffen, die die landwirtschaftliche Produktion und somit die bawren mit sich brachten. Die Revolutionierung des Ackeranbaus, die Erfindung von Düngemitteln, der Einsatz von wissenschaftlichen Erkenntnissen bei der Zucht von Saatgut und nicht zuletzt die Lust der  arbeitenden Menschen die Produktionsverhältnissen ihren Bedürfnissen anzupassen – auch durch Kämpfe – war gut. Aber die Eigentumsverhältnisse nicht.

Die Kämpfe der Bauern gelten in der anarchostalinistischen Rückschau als Meilensteine auf dem geschichtlichen Weg hin zu einer klassenlosen Gesellschaft. Zum Beispiel die Bauernaufstände wie sie es seit jeher gegeben hat. Viele sind mittlerweile ins Vergessenheit geraten, doch immer ging es dabei darum, sich die Früchte der eigenen Arbeit  anzueignen gegen den Widerstand der herrschenden Produktionsverhältnisse und ihrer Profiteure. Die frühen Bauernaufstände im 14. Jahrhundert zeugen von diesen Verteilungskämpfen, schließlich der als Bauernkrieg in die Geschichte eingegangene Aufstand der Bauern gegen Hunger, Leibeigenschaft und Repression. Auch bei anderen großen Ereignissen der Weltgeschichte, die für uns von großer Bedeutung sind, standen die Bäuerinnen und Bauern da und Kämpften für soziale Gerechtigkeit: Frankreich 1789, Deutschland 1848, Russland 1917, Jugoslawien 1945, China unter Mao, die antikolonialen Befreiungskämpfe oder der Protest gegen die BRD-AKWs (der aus unserer Sicht allerdings reaktionär ist).

Innerhalb des sozialrevolutionären Diskurses hat das Bauertum mehrfach eine Rolle gespielt: während Marx und Engels die Masse der Lohnarbeiter in der modernen Fabrik als revolutionäres Subjekt ansahen, erblickten Bakunin und Mao eher die Bauern als Vorbilder für die klassenlose Gesellschaft. Die wahnsinnige Entfaltung der Produktivkräfte im Bereich Landwirtschaft während dem 20. Jahrhunderts ließ den Ur-Bauern weitgehend verschwinden in Europa, anders in den Ländern des Südens wie Brasilien, wo die Bauern eine starke Bewegung aufgebaut haben und mit militanten Aktionen versuchen ihr einstiges Land von den imperialistischen Ausbeuter*innen zurückzuholen. Oder gehen wir nach Indien, wo von marxistischen Organisationen die Selbstorganisation und der Widerstand der Bauern gegen die Kapitalisten*innenklasse seit Jahrzehnten bitter geführt wird.

Das wird bei Bauer sucht Frau natürlich alles unterschlagen. Aber die leckeren Alraunesäfte und Fliegenpilz-Kuchen versetzten die Bauernschaft in einen extatischen Zustand und ermöglichten ihnen ihr Bewusstsein zu erweitern. Die sexuelle Freizügigkeit war eine Folge davon, doch sie war widersprüchlich, da strenge patriarchale, vor allem durch die lustvernichtende Kraft der Kirche dafür gesorgt wurde, das Enthaltsamkeit und Monogamie rulen. Mägde, Knechte, Bauern, Landhandwerker und Gaukler verstanden es zu feiern und zu leben. Ihr frohes Gemüt beeinflusste viele Kunstepochen, wie zum Beispiel die Romantik oder den frühen Cubismus. Abertausende Lieder aus dem ruralen Alltag sind überliefert und werden heute noch gesungen auf Bauernhochzeiten. Die Besonderheit des Bauerntums ist ihre Verwurzelung in volkstümlichen Traditionen, die von den Ahnen von Ahn zu Ahn weitergegeben wurden. Immer den Gegenwind der städtischen Kulturarroganz im Gesicht, kämpfte sich das Streben nach ländlicher Harmonie durch die Gezeiten und kehrt heute wieder zurück als frommer Wunsch eines besseren Lebens. Veganhippies und Ökoanarchist*innen, grün-bürgerliche Austeiger*innen oder urbane Neo-Lebensreformist*innen bewahren heute das Bewusstsein des alten Bauerntums in sich auf. So ist es auch bei der anarchostalinistische Bauernbewegung, die sich einsetzt für die Anerkennung und Wiedererrichtung des tradtionellen Landlebens, aber diesmal unter kommunistischer Produktionsweise und rätedemokratischem Weltstaat. Mit ihnen gemeinsam wehren wir uns entschieden gegen die Herabsetzung der Bauern und des bäuerlichen Lebensstils. Den Arbeiter*innen auf dem Feld und im Stall muss unsere Anerkennung gehören und auch wir sollten uns nicht davor scheuen selber ein bäuerliches Leben in Betracht zu ziehen, wenn die Luft in der Stadt schlechter wird.

Bei einem ersten Zusammentreffen der anarchostalinistischen Bauernbewegung „Anarchostalinistischer Zusammmenschluss freier Bauern“ (AZfB) in Guinea Bissau wurde eine Resolution verabschiedet, in der es heißt

Das unser gemeinsam Ziel es sei die Ausbeuter*innenklasse von unserem Grund zu vertreiben und die Früchte des Bodens aufzuteilen nach unseren Bedürfnissen und Backrezepten. Die Gewalt der staatlichen Herrschaft betrachten wir als unzumutbare Drangsalierung der freibäuerlichen Lebens- und Produktionsweise und kämfen daher zusammen für seine Aufhebung in eine Rätedemokratischen Weltstaat. Die Errungenschaften der Genforschung sind den Geisteskapitalist*innen zu entreißen und in die Kontrolle der Freibauernschaft und der Räte zu geben. Das genetisch gepimpte Saatgut soll sowohl in der Tundra als auch in der Antarktis Früchte tragen und jedem Menschen zugänglich sein.

Wir unterstützen das und sagen mit Zitzen an den Händen:
Hoch auf die Ruralgemeinschaft!
Nieder mit der Arroganz des städtischen Bürgertums!
Euter statt Tetra Pack – für gesunde Ernährung und Landliebe!

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