Martin Luther und der Anarchostalinismus

Der christliche Reformator Martin Luther wird vom großen Teil der deutschen Linken als obrigheitshörige und antisemitische Gallionsfigur der Kirchengeschichte angesehen und bisweilen sogar als Rassist verunglimpft*. Seine herausragenden Taten, die er gegen den katholischen Klerus und den Papst bestritten hat, gehen hingegen unter oder werden als rein kircheninterner Streit abgetan, um so die volle Aufmerksamkeit auf den blutdurstigen Bauernführer Thomas Müntzer zu lenken. Müntzer wird so in idealistischer Manier zur Kultperson früher Klassenkämpfe stilisiert und verklärt. Es ist richtig und wichtig Müntzers Taten als sozialrevolutionär herauszustellen, jedoch darf das nicht auf Kosten von Luther und dem Lutheranismus geschehen, sondern muss als wichtige Ergänzung zur Geschichte der Arbeiter*innenbewegung anerkannt werden.

Neben Luther sind vor allem Calvin und Melanchton zu nennen, die sich in voller Bewusstheit der Lebensgefahr in die sie sich durch ihre Agtiation begaben nicht davor zurückschreckten radikale Reformen zu fordern. Ihre Lehren gingen in die Weltgeschichte ein und waren ein entscheidender Wendepunkt in der Brechung der römisch-katholischen Sonderstellung im Machtgefüge der europäischen Gesellschaft.

Der häufigste Vorwurf, den man Luther von linker Seite aus macht ist der Antisemitismus, der vor allem in seinem Text „Von den Juden und ihren Lügen“ deutlich zum Ausdruck kommt, jedoch unterschieden werden muss vom rassistisch aufgeladenen Vernichtungsantisemitismus deutsch-faschistischer Prägung. So heißt es bei Luther:

„Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen.“

In der Tat kommt hier ein ekelhafter und abzulehnender Antisemitismus zum Vorschein, der dazu aufruft Mord und Brandschatzung an jüdischem Eigentum zu üben. Das können wir natürlich als Antifaschist*innen und Bekämpfer des Antisemitismus nicht akzeptieren, wollen jedoch darauf hinweisen, dass es sich bei diesem Text um eine Schaffensphase handelt, in der Luther schon älter war uns sich von einem Rebell und Revolutionär zu einem dem Adel und dem aufstrebenden Bürgertum eingelullter Kirchenbürokrat entwickelt hat.

Besonders schwierig bei der Rehabilitation Martin Luther für die radikale Linke in Deutschland erweißt sich der berechtigte Vorwurf des bekannten Anarchisten Pierre Joseph Proudhon, der Luther in einem Brief an Karl Marx eine autoritäre Praxis vorwarf:

„Lassen Sie uns gemeinsam, wenn Sie es wünschen, die Gesetze der Gesellschaft ergründen, die Art und Weise, wie diese Gesetze sich durchsetzen, die Methode, mit der wir sie entdecken können; aber nachdem wir alle Dogmen zertrümmert haben, lassen Sie uns um Gottes Willen nicht dazu verleiten, die Menschen unsererseits zu indoktrinieren; lassen Sie uns nicht den gleichen Fehler begehen, wie Ihr Landsmann Martin Luther, der, nachdem er die katholische Theologie stürzte, an deren Stelle eine protestantische Theologie mit Exkommunikation und Bannfluch setzte.

Um Luthers Positionen aus der jungen Schaffensperiode zu illustrieren und nun endlich zu versuchen ihn für den Antifaschismus zum positiven Bezugspunkt zu machen (zumindest den jungen Luther), wollen wir einen Auszug aus einem Text aus dem Jahr 1523 zeigen, in dem Luthers Stellung zu den Juden eine wenn auch missionistische, aber dennoch betont freundliche und wohlwollende ist. Sie entstammt dem Text „Daß Jesus Christus ein Geborener Jude sei„:

„Unsere Narren, die Päpste, Bischöfe, Sophisten und Mönche, die groben Eselsköpfe sind bisher also mit den Juden gefahren, dass, wer ein guter Christ wäre gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel gesehen den Christenglauben regiern und lehren, so wäre ich eher eine Sau geworden denn ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nicht mehr kundgetan als sie schelten und ihr Gut nehmen, wenn man sie getauft hat; christliche Lehren und Leben hat man ihnen nicht bewiesen, sondern sie nur der Päpsterei und der Möncherei unterworfen. Wenn sie dann gesehen haben, dass der Juden Ding so starke Schrift für sich hat, und der Christen Ding ein bloßes Geschwätz ohne alle Schrift gewesen ist, wie haben sie doch ihr Herz stillen und rechte gute Christen werden mögen? Ich selbst habe von frommen getauften Juden gehört, dass, wenn sie nicht bei unserer Zeit das Evangelium gehört hätten, sie wären ihr Leben lang unter dem Christenmantel Juden geblieben … Ich hoffe, wenn man mit den Juden freundlich handelt und sie aus der heiligen Schrift säuberlich unterweist, so sollen ihrer viele rechte Christen werden.“

Man kann Luther und andere Reformator*innen schlecht von der heutigen Zeit und ihren moralischen und politischen Messlatten aus beurteilen. Dies geht nur in der wahren Erkenntnis und dem Verstehen der Geschichte auf Grundlage der hermeneutisch-materialistischen Sozial- und Mentalitätsgeschichtsforschung. Dass es bei Luther und co. um eine soziale Revolution ging, ist leider umstritten, doch einig ist man sich, dass es um die Revolution der Philosophie, der Religion, des Glauben geht, die den Menschen befähigen im Hier und Jetzt und darüber hinaus verantwortlich zu leben und selbstreflexiv durch die Welt zu latschen. Und da die katholische Kirche und der Glaube damals konstituive Elemnte der politischen Herrschaft waren, lässt sich aus den reformatorischen Taten durchaus auch eine sozialreformistische Handlungsmotivation Luthers ableiten, die als ihren wichtigsten Feind die Privilegien der katholischen Kirche samt ihren Pfaffen, Bischöfen, Päpsten und treuen Adeligen erklärt.

Es gibt also einen jungen und einen späten Luther. Da muss man genau unterscheiden, genauso wie bei Stalin. Oft wird Luther auch angekreidet, er hätte die sozialen Kämpfe der Bauern (oft Bauernkriege genannt) verraten. Hat er leider auch in gewisser Weise, doch muss mensch sich in Luther hinein versetzen: er befürchtete durch die blutigen Bauernaufstände ein nie gekanntes Massaker und hatte Angst, dass die Bauernbrut die Errungenschaften der Renaissance und der Wissenschaft zu Gunsten der Pöbelherrschaft (siehe Aristoteles) zerstören würde. Der Wandel vom revolutionären Idealisten zum Machtbesessenen ist sowohl bei Luther als auch bei Stalin deutlich erkennbar, wenn auch mit unterschiedlichen Folgen und Ausprägungen, was wiederum durch die jeweiligen historisch-materialistischen Verhältnisse bedingt war.

Ob Luther nach den heutigen Maßstäben Sozialist war, muss wohl bestritten werden. Als Verfechter der einer „von Gott gegebenen“ Ständeordnung und als Verräter an den Bauern, die sich teilweise auf seine Ideen beriefen muss Luther ein klassenkämpferisches Bewusstsein abgesprochen werden. Doch seien wir mutig genug und strategisch so weit vorausschauend, um zu sehen, dass eine positive Bezugnahme zu Martin Luthers handeln für die anarchostalinistische Weltliga eine entscheidende Chance birgt. Nämlich die Rekrutierung von Kampfgenoss*innen aus dem Lager der evangelisch-lutheranischen Kirche. Ihre Disziplin, ihre Unterwürfigkeit unter ein Prinzip, ihr Eifer bei der Arbeit – das sind alles Tugenden die für unsere Sache von höchster Priorität sind. Durch die Hervorhebung linker und sozialistischer Traditionen in der lutherischen Christologie können wir dieser beginnenden Zusammenarbeit einen großen Dienst erweisen.

Die Erforschung des Linkslutheranismus ist also gleichzeitig seine Rekonstitution in Zeiten der bevorstehenden Revolution aller spiritistischen und lustorientierten Klassen dieser Welt. Wir werden versuchen in weiteren Artikeln wichtige Protagonisten des Linkslutheranismus wie Wilhelm Weitling, Karl Barth, Ernst Wolf, Leonard Ragaz oder  Gerhard Heintze vorzustellen und zu ehren.

Für die permanente Reformation!
Vorwärts auf dem blutigen Pfad der heiligen Jungfrau Maria!

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Eine Antwort zu Martin Luther und der Anarchostalinismus

  1. Bernard schreibt:

    Thanks for finally writing about >Martin Luther und der Anarchostalinismus | anastalia <Loved it!

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