Wieso nicht mit Stalin chillen?

Das Zusammenspiel von Anarchismus und Stalinismus scheint auf den ersten Blick etwas verwirrend. Unter den vielen Ereignissen in der Geschichte war die Revolution in der Sowjetunion ein glanzvoller Akt der organisierten Massen. Die Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit und Frieden, nach Brot und Arbeit verbannte die alte zaristische Gesellschaft in die Geschichtsbücher. Die anarchistischen Gruppen waren teilweise begeistert von der Revolution und unterstützen in ganz Europa die Revolution gegen die bürgerliche Herrschaft und die Monarchie. Der Kampf gegen Krieg und kapitalistische Ausbeutung war ein gemeinsames Projekt aller Revolutionäre in Europa. Doch der Stalin kam und machte alles kaputt, wird mancher sagen. Andere werden sagen, der Lenin hat den Marx verfälscht und deswegen war das Projekt Sowjetunion eh von Anfang an zum scheitern verurteilt. Wieder andere wollen schon früher den Bruch sehen und so ergibt sich, dass der Bruch zwischen freiheitlichem und autoritärem Sozialismus eine lange Geschichte hat, bis zurück zu Fourier, Marx und Bakunin. Doch sie hatten viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel die Revolution, die Ablehnung des Kapitalismus, die Kritik an Herrschaft und Ideologie, die Volksbildung und politische Organisierung, die Gewerkschaftsarbeit und der Kampf gegen den Faschismus. Die Denker des 19. Jahrhunderts mussten sich ihr Brot auch damit verdienen, dass sie mit Genossinnen chillten, die sie nicht so cool fanden. Aber mit Stalin chillen? Das erscheint doch für viele ziemlich heftig und es würde außerdem eh dazu kommen, dass wenn man mit Stalin chillt und er herausbekommen würde, dass man Anarchistin ist, er einen eh gleich töten lassen würde. Wie kann man also dieses komische Unbehagen mit Stalin überwinden? Soll man ihm jetzt etwa für seine mörderischen Taten und das autoritäre System für das er steht eine politische Amnestie geben? Als Anarchist oder Anarchistos? Die große Mehrheit der Anarcha-feminist*innen hat darüber sicherlich nie nachgedacht, doch immer dann, wenn von gefährlichen Einmischungen roter Gruppen die Rede ist, wird skeptisch ausgespäht, mit den Augen Duruttis. Würde nicht schaden mal einen Stalintext zu lesen, kann man da nur sagen. Aber in den deutschen AZs ist darüber kaum was zu finden. Zugegebener Maßen, über Kropotkin oder Wilhelm Reich leider auch nicht.

Kommen wir zurück: mit Stalin chillen? Wenn überhaupt, dann mit einem Stalinplagiat, einer verkorksten Ikone der postsowjetischen Popindustrie, vielleicht ein Kuchen. Stalin ist der subversive Troll im Kackinternet. Weil er eine Atze ist, weil er ein Meme ist, weil er ein Philosoph und Vordenker der Bevölkerungsindoktrination und des Marxismus-Leninismus ist. Ein von allen Seiten gehasster. Es wird ja oft der Vorwurf laut, die Stalinist*innen würden die Verbrechen von Stalin verharmlosen und es ist bekannt, ja. Die Geschichte von Stalin sei so schrecklich, dass man ihn nicht als positiven Bezug nehmen könnte für emanzipatorische Politik (gerade im bezug zu Gender oder Syndikalismus). Wäre ja wie wenn man Hitler als und da fängts dann an: der Geschichtsrelativismus. Stalin und Hitler-Vergleich, ja das hamma doch gern, nö? Gerade in Deutschland. Ja, da! Schau mal, Stalin! Hitler war ja gar nicht so schlimm. Deutsches Opfergedöns, kann man da nur sagen, aber die Analogie von Stalinismuskritik und Totalitarismusideologie ist auch bei den Linken virulent. Denn die Verbrechen von der Sowjetunion waren lang nicht so mörderisch und brutal wie Nazi-Deutschland, das weiß jede gebildete Anarcho-Stalinistin. Bevor man ein zu frühes Urteil fällt, muss man sich doch mal in die Geschichte rein lesen, so wie es Marx und Engels gemacht haben. Oder Eric Hobsbawm. Schauen wir mal auf die soziale Gerechtigkeit und die Freiheit der Menschen im Volk. Wenn das eine schief hängt, hängt auch das andere schief, ist ja völlig klar.

Der andere Punkt ist dann eben der Staat, das Volk im Staat ist frei und gleichzeitig gefangen. Hier Ecken die Stalinisten und Anarchas auch immer aneinander an. Die Rolle des bürgerlichen Staates ist jedoch bei beiden gleich, weg damit, und wir leben im bürgerlichen Staat gerade (sorry an alle Genoss*innen in Kuba und Nordkorea, evtl auch Kurdistan, Venezuela und Gaza). Was hindert also die anarchostalinsitische Bewegung an einer verstärkten Agitation? Der Konsens natürlich. Der deutsche Konsens von Eigentum, Arbeit und Konkurrenz, so triefig moralisch und idealistisch, und doch so gemein und ignorant. Anarchostalinismus kann die fortschrittlichste Idee der Menschheitsgeschichte werden, wenn halt alle Leute wie Stalin wären, aber nur nicht so brutal. Ok, ist total individualistisch, aber trotzdem wäre es neuer Gedanke, der alte Ideolgien in Frage stellt, zum Beispiel den Antisemitismus. Unter den Umständen der unendlichen Reproduktion der Ideen, kann ein neues Fernziel für die neue klassen- und herrschaftsfreie Gesellschaft entworfen werden. Darin leben die arbeitenden Menschen ohne Arbeit und die Tiere werden freigelassen, die autoritäre Hand der Freiheit und des Rechts darf niemanden töten und der Jungbrunnen der Bildung wird die Revolution sein. Genau ausführen muss man das nicht, den Rest kann man sich ja denken, ein fröhliches Treiben im Schlaraffenland wo jeder machen kann was er will (mit Drugs). Ich denke das reicht, um die groben Grundzüge der anarchostalinistischen Geschichtsphilosophie zu umreissen.

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